Gezielt herbeigeführte Flugunfähigkeit

Mit diesem Thema beschäftige ich mich schon über einen längeren Zeitraum. Nun stelle ich meine Überlegungen dazu zur Diskussion. Auslöser hierfür sind a) ein ungeplanter Ausflug von Zoopelikanen,
b) eine alltägliche Handlung in Zoologischen Gärten und Tierparks und c) die darauf folgende kritische, zeitweise aggressive, Auseinandersetzung mit dem Geschehen. Doch beginnen wir am Anfang.

Verschmit.zter Pelikan

„Ich kann kein Wässerchen trüben“, mein der Rötelpelikan.

Ende Juli 2015 beschlossen zwei Rötelpelikane aus dem Zoo Osnabrück, ihre Anlage zu verlassen und einen ungeplanten Ausflug zu unternehmen. Gute achtzig Kilometer entfernt wählten sie einen See bei Nienburg an der Weser als Rastplatz. Gäste eines nahegelegenen Campingplatzes wurden auf sie aufmerksam und benachrichtigten Feuerwehr und Polizei. Die Pelikane ließen sich wieder einfangen und wurden in den Zoo zurück gebracht. Sie waren hungrig, denn in freier Wildbahn, muss das Futter erjagt werden, es wird nicht serviert. Dem Hunger wurde mit einer ordentlichen Portion Fisch entgegengewirkt. Soweit, so gut.

Nun stellt sich natürlich die Frage, wie man verhindern kann, dass im Zoo gehaltene Vögel davonfliegen. Denn mehrere Gründe sprechen dagegen. Erstens sind die Einrichtungen sowohl für den Schutz der in ihrer Haltung befindlichen Tiere verantwortlich, als auch für den Schutz der Fauna und Flora außerhalb ihrer Einrichtungen, nämlich vor der Beeinflussung durch die von ihnen gehaltenen Tiere. Zweitens können Besucher die Tiere nur sehen und damit etwas über sie und von ihnen lernen, wenn sie in ihren Gehegen anzutreffen sind. Drittens gibt es Arten, bei denen der Ausfall eines einzelnen Exemplars einen herben Rückschlag für den Artenschutz in Form von Zuchtprogrammen darstellt. Viertens stellt der Verlust eines jeden Tieres für einen Zoo oder Tierpark immer auch einen materiellen und immateriellen Schaden dar. Was also tun?

Die Rötelpelikane sind wieder zurück im Zoo Osnabrück.

Erschöpft, aber sicher wieder Zuhause angekommen.

Grundsätzlich gibt es vier Möglichkeiten.
1.) Die Einrichtungen verzichten auf die Haltung von Vögeln.
2.) Vögel werden nur noch in Käfigen, Volieren und Freiflughallen gehalten, nicht mehr in offenen Gehegen.
3.) Die Einrichtungen nehmen in Kauf, dass Vögel davonfliegen und die damit verbundenen Risiken und Verluste schlichtweg hin.
4.) Die Einrichtungen nehmen den Vögeln ihre Flugfähigkeit, vorübergehend oder permanent.

Pros und Kontras zu den genannten Varianten:
Zu 1.) Pro: Die Einrichtungen müssten sich keine Gedanken mehr machen. Kontra: Sie wären um einige Attraktionen ärmer. Vögel könnten den Besuchern nicht mehr nähergebracht werden. Zuchtprogramme würden eingestellt und einige Arten werden endgültig aussterben.

Zu 2.) Pro: Das Risiko wäre minimiert. Kontra: Es wäre entweder ein gewaltiger Rückschritt hin zur Haltung in kleinen, weniger geeigneten Käfigen. Oder es wäre mit immensen Baukosten verbunden, die so einige der Einrichtungen wohl kaum stemmen könnten.

Zu 3.) Pro: Hier fällt mir nun wirklich kein positiver Aspekt ein. Kontra: Die Einrichtungen könnten für eventuelle Schäden und langfristige Folgeschäden eventuell haftbar gemacht werden. Das Risiko für die einzelnen Tiere ist groß, das Risiko für ihre jeweilige Art gering bis extrem groß und die Gefahr für Fauna und Flora der Umgebung ist nicht abzusehen. Der materielle und immaterielle Schaden sowohl für die Einrichtungen, als auch für die Besucher, wäre immens.

Zu 4.) Pro: Die Einrichtungen müssten sich keine Gedanken mehr machen. Des Weiteren ist eine Teilnahme an internationalen Zuchtprogrammen ohne Einschränkung weiterhin möglich. Hierzu muss man wissen, dass es in mehreren Staaten vorgeschrieben ist, bestimmte Vogelarten nur flugunfähig zu halten. Kontra: Den Tieren wird eine natürliche Fähigkeit genommen, unter Umständen dauerhaft. Es liegen noch keine Forschungsergebnisse vor, ob die Vögel unter der Flugunfähigkeit leiden oder ob und falls ja, sie unter den Methoden leiden, mit denen die Flugunfähigkeit herbeigeführt wird.  Möglicherweise machen die Einrichtungen sich strafbar, wenn sie Vögel flugunfähig machen. Zoovertreter verweisen auf eine unklare Gesetzgebung und wünschen sich eindeutigere Definitionen. Zoogegner argumentieren in diesem Zusammenhang mit einer Stellungnahme der Bundesregierung (Schreiben des Bundesministeriums für Ernährung und Landwirtschaft vom 19. Januar 2015) auf eine Kleine Anfrage einiger Abgeordneter.

>>Gemäß § 6 TierSchG ist „das vollständige oder teilweise Amputieren von Körperteilen oder das vollständige oder teilweise Entnehmen oder Zerstören von Organen oder Geweben eines Wirbeltieres“ verboten. Zwar sind im Gesetz verschiedene Ausnahmetatbestände vorgesehen, das Flugunfähigmachen von Vögeln gehört jedoch nicht dazu. Damit ist dieser Eingriff, wenn er mit einer Amputation von Körperteilen oder Entnahme von Geweben einhergeht, nur dann zulässig, wenn er „im Einzelfall nach tierärztlicher Indikation geboten“ ist.
Beim routinemäßigen Flugunfähigmachen von Vögeln handelt es sich um eine zootechnische Maßnahme und nicht um eine „tierärztliche Indikation im Einzelfall“. Insofern verstößt eine solche Praxis gegen das TierSchG. Die Durchsetzung der Tierschutzregelungen obliegt den zuständigen Behörden der Länder.<<   Quelle:
Drucksache 18/3792 – 4 – Deutscher Bundestag – 18. Wahlperiode
Ausschnitt aus der Antwort der Bundesregierung auf die Kleine Anfrage der Abgeordneten Hubertus Zdebel, Eva Bulling-Schröter, Inge Höger, Pia Zimmermann und der Fraktion DIE LINKE. – Drucksache 18/3683 –

Federn stutzen, um weitere Ausflüge zu verhindern.

Das Aufplustern unterstützt Vögel bei der Regulierung der Körpertemperatur.

Wie bei allen Gesetzen, kommt auch beim Tierschutzgesetz das wichtigste zuerst. Paragraph eins besagt: „Zweck dieses Gesetzes ist es, aus der Verantwortung des Menschen für das Tier als Mitgeschöpf dessen Leben und Wohlbefinden zu schützen. Niemand darf einem Tier ohne vernünftigen Grund Schmerzen, Leiden oder Schäden zufügen.“

 „…ohne vernünftigen Grund …. zufügen“ – sehen wir uns das doch mal näher an. Wird den Vögeln ein Schaden zugefügt? Bei den Methoden, die eine dauerhafte Flugunfähigkeit verursachen, ziehe ich das zumindest in Betracht. Hierbei wird der Körperbau verändert, der Körper wird geschädigt. So wie Menschen, können auch Tiere sich zwar mit körperlichen Einschränkungen arrangieren und ein normales Leben führen, doch es findet eine aufgezwungene körperliche Veränderung statt.  Auch wenn die Lebensqualität an sich dadurch nicht abnehmen muss, ist hier einzuräumen, dass es zumindest zu einer Schädigung des Tierkörpers kommt. Bei der Variante des Federstutzens, sehe ich jedoch keinen Schaden. Es handelt sich um einen nicht-durchbluteten Bereich, vergleichbar mit Haaren, Horn oder Nägeln. So wie diese, wachsen auch die Federn nach.  Wird den Vögeln Schmerzen zugefügt? Das Federstutzen dürfte schmerzfrei sein, so wie das Kürzen von Haaren oder Nägeln beim Menschen. Bei permanenten Methoden ist es wohl nicht zu verhindern, das Schmerzen zugefügt werden. Bis die Wunde geschlossen ist, hat das Tier vermutlich Schmerzen. Hier ist abzuwägen, wie die Pein eines einzelnen Individuums zum Erhalt seiner Art beitragen kann. Ich folge dem praktischen Ansatz, dass das Überleben einer Art stets schwerer wiegt, als die Pein Einzelner! Wird den Vögeln ein Leid zugefügt oder anders ausgedrückt, leiden sie darunter, nicht mehr fliegen zu können? Viele Tierfreunde sind davon überzeugt, aber ich weiß nicht, ob Vögel wirklich den bewussten Wunsch haben, zu fliegen. Ich weiß auch nicht, ob Vögel nur fliegen, weil es ihnen ihr Überleben sichert, sie es aber nur tun, wenn sie es müssen. Was ich weiß ist, dass mir kein Fall bekannt ist, in dem ein Vogel die Nahrungsaufnahme verweigert hat, nachdem er flugunfähig gemacht wurde. Flugunfähig gemachte Vögel zeigen kein irrationales Verhalten. Sie scheinen sich trotz der Einschränkung wohl zu fühlen. Darauf deuten auch Zuchterfolge in Zoos und Tierparks hin. Zu guter letzt, wie sieht es mit den im Paragraph eins geforderten vernünftigen Gründen aus? Die können die Einrichtungen definitiv anführen. Es handelt sich um die oben genannten „Pros“.

Es gibt mehrere Ausnahmeregelungen beim Tierschutzgesetz. Den Ausnahmeregelungen liegen zum einen wirtschaftliche Erwägungen und zum anderen Praxiserfahrungen aus dem Umgang mit Tieren zu Grunde. Im Zusammenhang mit Zootieren, treffen diese beiden Ausnahmefallkriterien ebenfalls zu. Erstens besteht ein wirtschaftliches Interesse (seitens der Einrichtung zum Beispiel,  spricht dieses gegen den Bau von Freiflughallen und seitens der vom Zoo profitierenden Gemeinde, spricht dieses gegen eine Minderung der Anziehungskraft der Einrichtungen, denen durchaus ein touristischer Sogeffekt zugeschrieben werden kann) . Zweitens gibt es Praxiserfahrungen, die dafür sprechen, Vögel flugunfähig zu machen. In anderen Ländern ist dies nachwievor durchaus üblich, zum Teil gesetzlich vorgeschrieben, zumindest jedoch eindeutiger definiert. Die Besonderheiten der Tierhaltung im Zoo werden berücksichtigt. Ich frage mich, warum das deutsche Tierschutzgesetz einerseits mehrere Ausnahmeregelungen beinhaltet, jedoch andererseits Zoos und Tierparks bisher dabei noch nicht berücksichtigt. Immerhin sprechen hier noch drei zusätzliche wichtige Argumente für eine Ausnahmeregelung: Drittens geht es um den Auftrag der Arterhaltung, viertens um den Bildungsauftrag der Einrichtungen und fünftens um wissenschaftliche Erkenntnisse, die in den Einrichtungen gewonnen werden! Wirtschaftliches Interesse, Alltagspraxis, Arterhaltung, Bildungsauftrag, Forschungsauftrag – fünf gute Argumente für eine Ausnahmeregelung im Tierschutzgesetz.

Das Tierschutzgesetz ist ein Schritt in die richtige Richtung. Wir müssen jedoch daran denken, dass Gesetze sich verändern. Mit der Zeit erkennen wir Lücken und bessern nach. Dies ist meiner Meinung nach auch beim Tierschutzgesetz erforderlich.

Der Zoo Osnabrück hat sich entschieden, bei den zwei Rötelpelikanen die Federn zu stutzen, um sie so an weiteren Ausflügen zu hindern. Zoogegner, insbesondere die Organisation EndZoo International beschuldigen den Zoo deshalb des Verstoßes gegen Paragraph sechs des Tierschutzgesetzes. Die Stellungnahme des Zoos Osnabrück kann hier nachgelesen werden. Unabhängig von der Frage, ob unter „Beschneiden von Vogelflügeln“, auch das Kürzen von Federn fällt,  hat der Zoo Osnabrück, nach meiner Ansicht, im Rahmen des Gesetzes gehandelt. Aufgrund des beschriebenen Zustands der Vögel und der Gefahr eines erneuten ungewollten Entfernens aus dem Gehege, handelt es sich für mich um eine tierärztlich notwendige Entscheidung.

Abschließend fasse ich meine Position zusammen:
Ich befürworte das Beschneiden von Federn, um Vögel in der Zoo- und Tierparkhaltung gegebenenfalls flugunfähig machen zu können. Permanente Methoden, wie das kupieren der Flügel sehe ich kritisch. Ich halte eine Überarbeitung des Tierschutzgesetzes für erforderlich und zwar in drei Punkten. Erstens sollten Zoos und Tierparks, aufgrund ihrer besonderen Verantwortung innerhalb unserer Gesellschaft, ebenfalls Ausnahmeregelungen in Anspruch nehmen können. Zweitens sollte die Alltagspraxis stärker berücksichtigt werden. Drittens sollten, so noch nicht geschehen,  unabhängige Studien in Auftrag gegeben werden, zwecks Prüfung ob und falls ja, in welchem Maße Vögel unter ihrer Flugunfähigkeit oder den Methoden, mit denen sie flugunfähig gemacht werden, leiden. Die Ergebnisse der Studien sollten in zukünftige Gesetzesanpassungen einfließen.

Noch eine Bemerkung zur Organisation EndZoo International. Ich sehe sie kritisch! Sie setzt sich nicht für, sondern gegen etwas ein. Ihre Argumentation ist vorwiegend polemisch, selten sachlich. Die Organisation hat unter anderem eigene Wörter „kreiert“, um ihre Verachtung für all jene besser ausdrücken zu können, die ihren Standpunkt nicht oder (nach ihrer Ansicht) nicht in ausreichendem Maße teilen. Ihr Vorgehen ist nach meinem Empfinden aggressiv und hat etwas hetzerisches an sich. Personen mit anderer Meinung als der Organisationspostion werden nicht toleriert, geschweige denn akzeptiert. Dies ist eine Form des Extremismus, dem ich persönlich nichts abgewinnen kann! Und Du?

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4 Antworten

  1. Benno sagt:

    Aha, da hat ENDZoo tatsächlich etwas stehengelassen. Normalerweise stehen da keine kritischen Beiträge. So wenige Kommentare auf einer Seite sieht man selten. Entweder wird da rigoros gelöscht, oder die Seite interessiert keine S….

    • Carmen Splitt sagt:

      Dass auch direkt auf der Webseite Tierparkinfo.de und nicht nur in den angeschlossenen Profilen in den Sozialen Netzwerken kommentiert werden kann, wird tatsächlich gerade erst von meinen Leser/Innen, Fans und Followers entdeckt. 🙂 Herzlich willkommen „Benno“. Ich freue mich, dass Sie sich hier zu Wort melden. Es würde EndZoo übrigens schwer fallen hier kritische Stimmen zu löschen. Das liegt nicht in ihrer Hand.

  2. Da behauptet doch Tierparkinfo.de (alias Carmen Splitt) in verunglimpfender Form, dass wir von EndZOO „Personen mit anderer Meinung als der Organisationspostion nicht tolerieren, geschweige den akzeptieren“ und sie diese „Form als Extremismus“ betrachtet. Das wir auf UNSERER Facebookseite (zu unsere Pressemitteilung) die ungekürzte Stellungnahme der Zoo-Gefangenschaft Zoo Osnabrück (also die Meinung anderer Personen) veröffentlicht haben, entlarvt ihre Behauptungen zeitgleich als glatte Lüge. Gegen diese und andere falschen Behauptungen setzen wir uns zukünftig zu Wehr und werden unseren Anwalt auch diese Sache zur Prüfung übergeben. Frank Albrecht (1.Vorsitzender EndZOO Deutschland e..v.)

    • Carmen Splitt sagt:

      Nun Herr Albrecht,

      herzlichen Dank für Ihren Kommentar. Bestätigt er doch auf eindrucksvolle Weise zum einen meinen Eindruck von Ihrer Organisation und zum anderen, wie zutreffend meine Äußerungen bezüglich der Verhaltensweise von EndZoo International sind. Ich wünsche Ihnen einen angenehmen Abend.

      Carmen Splitt
      Inhaberin von Tierparkinfo.de

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