Im Interview mit „Wolfsmutter Tanja Askani“

Nindorf-Hanstedt, im Wildpark Lüneburger Heide. Ich bin mit der „Wolfsmutter“, Frau Tanja Askani, verabredet, um etwas über sie und „ihre“ Wölfe zu erfahren.

Sie holt mich vom Parkplatz ab und fährt vorsichtig wieder auf das Parkgelände. Gar nicht so einfach, denn das schöne Wetter sorgt für regen Besucherandrang und viele Kinder laufen umher. Da heißt es, für die Gäste mitdenken.

Wolfsmutter Askani und Autorin Splitt

Geknipst durch eine freundliche Besucherin.

Der Wagen bleibt auf einem kleinen Betriebshof stehen und wir gehen zu Fuß zum nahegelegenen Restaurant. Wir erobern uns die hinterste Ecke der Terrasse und Wolfsmutter Tanja Askani nutzt die Gelegenheit, für eine Tasse Cappuccino, während sie geduldig meine Fragen beantwortet.

„Frau Askani, noch einmal vielen Dank, dass Sie Zeit für mich gefunden haben. Etwas interessiert mich besonders. Haben Sie sich alles selber beigebracht oder haben Sie bei der Aufzucht der Wölfe auf die Erfahrungswerte anderer zurückgreifen können?“

„Na ja. Es gibt keine Berufsausbildung zur Wolfsmutter. Es stimmt auch nicht unbedingt, dass alles, was in einem Buch steht, auch richtig sein muss. Dazu neigen ja einige Menschen, zu denken, es sei Gesetz, was in einem Buch steht. Aber auch das, hat nur ein Mensch geschrieben. Und es gibt kein anderes Wildtier, über das so viel Blödsinn erzählt wird, wie über den Wolf. Immer wieder aufs Neue. Aber ich hatte doch schon einige Erfahrung mit der Aufzucht von verschiedenen Jungtieren. Schon als ich noch klein war, wurden bei uns zu Hause Jungtiere aufgepäppelt. Als es dann mit den Wölfen losging, hatte ich natürlich Kontakt zu Kollegen, mit den damaligen Wolfexperten. Unter anderem mit dem inzwischen verstorbenen Werner Freund. Ich habe mir die Arbeiten jedes einzelnen angeschaut. Aber das meiste habe ich für mich selbst herausfinden müssen. Denn jeder geht seinen eigenen Weg.“

„Wenn Sie jetzt einmal zurückschauen, was, würden Sie sagen, war Ihr größtes AHA-Erlebnis? So aus dieser Situation heraus, von der Sie gerade erzählt haben. Es ist ja alles Neuland gewesen, komplettes Neuland?“

„Wie gesagt, ich ziehe verschiedene Jungtiere auf, also Pflegekinder. Jedes Jahr liegt irgendetwas an. Und ich muss mich darauf einstellen. Ob Hase, Eichhörnchen, Steinmarder oder Rehkitz, ich muss so denken, wie mein jeweiliges Pflegekind. Ich war also genug in der Übung, um zu wissen, dass man versuchen muss, sich in die Tierart hineinzudenken, mit der man zu tun hat. Man muss sich anschauen, wie es in der Natur abläuft. Wenn etwas schief läuft, dann meistens, weil der Mensch nicht versteht, warum ein Tier sich so oder so verhält. Das habe ich gleich mit meiner ersten Wölfin erlebt. Als sie vier, viereinhalb Wochen alt war und anfing Fleisch zu fressen, wurde sie mir gegenüber auf einmal unglaublich aggressiv. Bis dahin war sie nur klein und niedlich und ich habe erst mal überhaupt nicht verstanden, was los war. Die Antworten der Wolfsexperten haben mir dabei nicht geholfen. Ich habe z. B. gehört, dass dieser Wolf wahrscheinlich kein >Frauenwolf< ist und ich ihn an einen Mann abgeben soll. Solche und ähnliche Aussagen, fand ich blödsinnig. Und dann habe ich mir Gedanken gemacht, was da passierte. Mir wurde klar, dass es an der Situation lag, die ich nie wieder mit einem anderen Wolfswelpen hatte. Ich hatte sie damals in einem sehr schlechten Zustand bekommen. Die Mutter war gestorben. Sie war ein drei Tage altes Wölfchen und sehr krank. Weil sie so geschwächt war, habe ich es damals geschafft, sie einer Hündin unterzujubeln, die sie säugte. Ich spielte also in ihrem Leben nicht die Rolle der Mutter.“

„Sie waren also Rudelmitglied, aber die Beziehung war nicht so eng?“

„Ja, da ich ständig in der Nähe war, hat sie mich wohl als Schwester eingestuft. Und wenn man sich ansieht, was bei den Wölfen passiert, wenn die kleinen Knirpse anfangen, Fleisch zu fressen, ist alles klar. Sie fangen dann an, mit Raufereien und ersten Kämpfen die Rangfolge festzulegen. Sie hat sich also nur natürlich verhalten und wie jeder andere Wolf mit seinen Geschwistern um die Rangfolge gestritten. Wenn ich das damals nicht verstanden hätte, hätte ich viel kaputt gemacht. Männer neigen ja oft dazu, dominant aufzutreten  und sich durchsetzen zu wollen. Das würde aber in so einem Fall die Vertrauensbasis zerbrechen.“

„Sie hatten also ein freundschaftlich-rivalisierendes Verhältnis. So wie man es auch bei menschlichen Geschwistern findet. Aber trotzdem mussten Sie ja dafür sorgen, dass Sie die Dominante dabei blieben. Wie haben sie das gemacht?“

„Diese Kämpfe sind nur ungefähr drei Wochen so heftig. Dann können sie schon ihre eigene Beißkraft einschätzen und danach geht es eher spielerisch zu. Und diese drei Wochen gehen schnell rum. Wenn sie mich z. B. in die Beine beißen wollte, dann habe ich sie natürlich weggedrückt. Ich habe mich doch nicht beißen lassen. Doch ich habe sie auch nicht bestraft. Das hätte sie auch gar nicht verstanden. Wenn ich das gemacht hätte, dann hätte ich etwas falsch gemacht.“

„Sie haben also die Grenze dadurch gesetzt, dass sie die Wölfin weggeschoben haben.“

„Weggeschoben oder weggedrückt. Ich habe sie auch schon mal gebissen. Normalerweise lernen sie ihre Beißkraft kennen, indem Wolfswelpen voneinander lernen. Wenn das Geschwisterchen das Ohr durchbeißt, dann bekommt er das zurück. Dann merkt er >Ah, das tut weh, da muss ich nächstes Mal selber auch vorsichtiger sein!<. An der Leine herumzerren, wie manche es bei Hunden machen, würde ein Wolf nie verstehen. Wir haben uns beide wie Wölfe benommen und dadurch hatte sich alles in kurzer Zeit wieder eingerenkt.“

Grauwölfe halten Ausschau„Aber diesen Weg haben Sie durch testen im Grunde selber herausgefunden? Sozusagen lerning by doing?“

„Ich war sehr gespannt, ob ich mit meiner Theorie richtig liegen würde. Es sind natürlich nur persönliche Erfahrungswerte, die man mit anderen noch vergleichen musste. Aber bei allen anderen Wölfen, bei denen ich die Rolle der Mutter übernommen habe, hatte ich diese Probleme nicht. Der Mutter gegenüber sind Wölfe sehr freundlich, sehr unterwürfig. Mal frech, aber dann auf spielerische Art. Aber jedenfalls nicht so, dass sie knurrend auf die Mutter zugehen oder sich ins Bein festbeißen würden. Das nicht.“

Nun möchte ich von der Wolfsmutter Tanja Askani gerne noch etwas über wölfische Familienverhältnisse erfahren.

„Man hat ja auch keine Lieblingskinder, aber sie hatten z. B. ein sehr enges Verhältnis zu Flocke…“

„Wenn ich einen Wolf hervorheben soll, dann würde das immer die Flocke sein. Sie war damals kein Wunschkind. Sie kam unerwartet zu mir. Sie kam zwei Jahre eher zu mir, als dieses Projekt eigentlich starten sollte. Dadurch hatten wir hier noch kein Wolfsgehege. Das musste alles über den Sommer und Herbst gebaut werden. Dadurch war sie der Wolf, der am längsten in der Familie gelebt hat. In der Regel bleiben die Wolfswelpen etwa bis zum dritten Lebensmonat bei mir, aber das Gehege, das gebaut wurde, war erst irgendwann im Winter fertig. Flocke lebte über ein halben Jahr bei mir, dadurch war das Verhältnis sehr sehr eng. Sie war es, die mir gezeigt hat, was es heißt, mit einem Wolf eine Beziehung einzugehen. Und dadurch, dass sie so ein Besen war, war sie für mich die beste Lehrerin. Es war ein sehr tiefes Verhältnis. Man muss das aber unterscheiden. Die Wölfe ändern nicht ihr Wesen und mutieren zum Dackel oder Pudel. Sie bleiben Wildtiere. Es gab auch Zeiten, z. B. zu Paarungszeiten, in denen sie mich als Konkurrenz gesehen hat. In der Ranzzeit, sie dauert drei Wochen, hatte ich Gehegeverbot. Sie war so gereizt, dass ich in der Zeit das Gehege nicht betreten konnte. Das habe ich auch akzeptiert, um die Situation nicht eskalieren zu lassen. Es war nichts persönliches, sie folgte nur dem Ruf der Natur. Danach war sie wieder die alte. Bis zu ihrem Tod hatten wir zwei immer ein sehr enges Verhältnis.“

„Sie haben gerade die Ranzzeit angesprochen. In der Natur ist es vorgesehen, dass ein Wolfspaar zusammenlebt, mit den aktuellen Welpen und den Welpen des Vorjahres, die mit Erreichen der Geschlechtsreife abwandern. Wie wird das hier im Park gelöst?“

„Das ist richtig. Lange glaubte man ja, dass Wölfe in einem Rudel leben, dass einfach streng hierarchisch aufgebaut ist. Also in einem Rudel mit Alpha-, Beta- und Omegawölfen. Inzwischen wissen wir aber, ___STEADY_PAYWALL___ dass das falsch ist. Wölfe leben in einem Familienverband. Das heißt, die Elterntiere leben nur mit ihren Welpen der letzten ein bis maximal drei Jahre zusammen. Jedes Jahr werden neue Welpen geboren und jedes Jahr wandern die selbständige Welpen ab. Die Zusammensetzung der Wolfsfamilie ist also nicht starr, sondern im ständigen Fluss. In Parks und Wildparks werden darum die Jungtiere vermittelt. Denn auf Dauer zusammenzuleben wäre gegen ihre Natur und es würde innerhalb der Wolfsgruppe Mord und Totschlag geben.“

„Gibt es ein Zuchtbuch für Wölfe?“

„Nein. Wilde Wölfe sind zwar streng geschützt, aber sie sind nicht grundsätzlich vom Aussterben bedroht. Das europäische Erhaltungszuchtprogramm greift nur bei den Tierarten, die vom Aussterben bedroht sind und diese Art Hilfe benötigen.

Für in Gefangenschaft lebende Wölfe gibt es lediglich eine Richtlinie für die Mindestgröße eines Geheges. Die ist aber sehr knapp berechnet. Zum Glück bauen die meisten Wildparks ihre Wolfsgehege deutlich großzügiger. Bei den Wölfen spielt die Gehegegröße sogar eine untergeordnete Rolle. Viel wichtiger ist, wie viele Tiere im Gehege leben und wie die Zusammensetzung der Wolfsgruppe ist. Ein Wolfspaar mit Welpen kann auch in einem relativ kleinen Gehege glücklich leben. Ernste Probleme entstehen erst, wenn die Welpen erwachsen werden und keine Möglichkeit haben, auszuwandern. Denn das ist von der Natur vorgesehen. In der freien Wildbahn verlassen die Welpen ihre Familie mit der Geschlechtsreife, also spätestens mit drei, dreieinhalb Jahren. Diese Jungtiere wandern oft sehr weit, um neue Reviere für sich zu entdecken, um Partner zu finden und eine neue Wolfsfamilie zu gründen. Das ist die Erfolgsstrategie der Art >Canis Lupus<. Wenn man bei Gehegewölfen nicht dafür sorgt, dass die Jungtiere rechtszeitig an andere Tierparks vermittelt werden, fangen die Tiere an, sich zu bekämpfen. Gegenseitige Verletzungen sind die Folge, bis hin zum tödlichen Ausgang. Das ist in solchen Fällen dann leider keine Ausnahme. Kein noch so großes Gehege ermöglicht es nämlich den Jungtieren, auszuwandern und ein eigenes Leben zu führen.

Sie müssen sich viel weiter von ihren Eltern entfernen. Kein erwachsener Wolf würde freiwillig mit anderen erwachsenen Wölfen leben. Da sollte meiner Meinung nach gesetzlich dringend etwas passieren!“

 „Hier im Wildpark Lüneburger Heide, haben Sie ja die Möglichkeit, Einfluss zu nehmen. Aufgrund Ihrer Erfahrungen, was würden Sie anderen Betreibern empfehlen?“

„Von anderen zu lernen, um Fehler nicht zu wiederholen. Meine Jugendsünde war das Gehege der Grauwölfe, mit vier Tieren. Damals waren wir alle davon überzeugt, na klar, Wölfe möchten im Rudel leben. Mit dem Einsetzen der Geschlechtsreife haben wir erkannt, dass das ein Fehler war. Diesen Fehler würde ich nicht wiederholen. Inzwischen sind die Grauwölfe 11 Jahre alt. Eine optimale Situation haben wir im Moment bei den Timberwölfen. Dort haben wir ein Elternpaar und zwei Jährlinge. Auch bei den Polarwölfen haben wir den optimalen Fall. Da haben wir ein pubertierendes vierjähriges Mädel, das gerade erwachsen wird, einen achtjährigen Rüden und einen 13jährigen Opa. Das sind Tiere, die nicht miteinander konkurrieren. Es macht durchaus Sinn, eine Struktur wie bei den Polarwölfen zu haben. Verstirbt eins der Tiere, so hat man nicht plötzlich einen Einzelwolf. Aber dafür muss man viel Fingerspitzengefühl haben und wissen, was man tut, damit das klappt. Unsere drei verstehen sich wunderbar. Da gab es noch nie einen Konflikt. Aber die Regelung müsste eigentlich sein, dass man die Wölfe nur paarweise halten darf. Ausnahmen sollte man begründen müssen, z. B. wie bei unseren Weißen, dass sie sich altersbedingt nicht in Konkurrenz befinden. Auch müsste geregelt werden, dass die Welpen spätestens im Alter von zwei Jahren weitervermittelt werden. Es ist allerdings nicht so einfach, Jungtiere zu vermitteln. Manchmal klappt es reibungslos, manchmal springt der Abnehmer im letzten Moment unerwartet ab. Das ist auch uns schon passiert. Wenn man sich rechtzeitig um die Vermittlung kümmert, ist das kein unlösbares Problem. Aber es ist ärgerlich und man muss sich eben Gedanken machen, welche Lösungen sonst noch möglich sind.“

„Einige Tierparke und Zoologische Gärten unterbrechen oder unterdrücken die Ranzzeit.“

„Ja, unerwünschten Nachwuchs kann man auf chemischer Basis verhindern. Das wird chemische Kastration genannt. Sie ist aber kein Mittel gegen Aggressionen in einem Wolfsrudel. Im Erwachsenenverhalten spielt das Sexualverhalten nur eine kleine Rolle. Es geht dabei nur um einen zeitlichen Rahmen von circa drei Wochen jährlich, in denen man es den Tieren leichter machen kann. Der Großteil des Drucks bleibt aufrecht. Was hat in der Natur die oberste Priorität? Es geht um die Arterhaltung! Und zur Arterhaltung gehört nicht nur die Zeugung. Sondern auch das Auswandern, ein geeignetes Revier für sich finden, einen Partner/ eine Partnerin finden. Weit auswandern, um Inzucht zu vermeiden. Das Revier verteidigen und eine ganze Skala weiterer Verhaltensmuster und das spritzt man nicht weg.“

„Sie haben jetzt 2010 eine neue Wölfin aus Kanada mit dazu geholt.“

„Ja, sie ist gerade in der Ranz.“

 „Haben Sie Unterschiede beim Verhalten zwischen dem kanadischen Wolf und den Europäischen Wölfen festgestellt?“

„Die nordischen Wolfsunterarten sind allgemein ruhiger. Das hängt mit der Menschendichte zusammen. In Europa, wo auf gleicher Fläche mehr Menschen leben, sind Raubtiere und Greifvögel in manchen Teilen so unter Druck gesetzt worden, dass nur die vorsichtigsten und scheuesten überlebt haben. Wir haben uns selber so scheue und nervöse Arten geschaffen. Man kennt es von den Galapagos Inseln, wo mache Tiere nie Menschen gesehen haben. Die sind völlig entspannt. Da kann man über die Eidechsen stolpern und es interessiert sie nicht. Auch im Norden, wo die Menschendichte geringer ist, sind die Tiere allgemein entspannter. Einen Rotfuchs kann man z.B. mit der Hand aufziehen, er wird trotzdem lebenslang von Grasbüschel zu Grasbüschel schleichen. Ein Polarfuchs ist von Natur aus viel entspannter und sie gehen auch sparsamer mit ihrer Kraft um. Sie wissen, wenn sie planlos herumtoben, fehlt die Kraft dann für die Jagd. Deswegen gehen sie geplanter und gezielter mit ihrer Energie um.“

„Soweit ich das mitbekommen habe, hat sich die Wölfin gut in das Rudel integriert. Sie scheinen soweit zufrieden zu sein. Würden Sie sagen, da müsste nun noch ein weiterer Wolf hinterherkommen?“

„Nein, nein! Die Gruppe ist ganz ausgeglichen und ausgewogen. Ich hoffe, dass es dieses Jahr das erste Mal Welpen gibt. Mal sehen, wie sie sich anstellen, denn es sind schließlich noch alles >Jungfrauen<. Für die Welpen gibt es, wenn sie dann soweit sind, jetzt schon Interessenten. Doch das dauert alles noch. Die Ranzzeit hat ja gerade erst angefangen.

„Ist das dann das erste Mal eine Mischung aus zwei verschiedenen Wolfsarten?“

„Nein. Das ist keine Mischung von Wolfsarten. Alle drei sind weiße kanadische Wölfe. Die Grauwölfe haben ihr eigenes Gehege. In Europäischen Zoos sind die weißen Wölfe alle sehr eng miteinander verwandt. Naaja ist definitiv frisches Blut und die Welpen sollen gesund sein.“

 „Wenn jetzt noch jemand auf die Idee kommt zu sagen, Wölfe sind mein Leben und es Ihnen gleichtun möchte, was würden Sie ihm oder ihr raten?“

„Das ist nicht gerade leicht. Es gibt in Deutschland nicht besonders viele Stellenangebote. Man könnte es aber zuerst im Ausland in einem des Wolfsparks versuchen, die Praktika anbieten.“

 „Sie haben noch eine Leidenschaft, die Fotografie. Ist das ein Hobby gewesen, das zur Passion geworden ist?“

„Na ja, ich schreibe auch Bücher über meine Arbeit, wann immer die Zeit dazu da ist. Und dazu braucht man auch Fotos, um das Geschriebene zu dokumentieren. Ich glaube das geht Hand in Hand.“

Da werden Wölfe zu Genießern„Wenn Sie jetzt so in 20 oder 30 Jahren für sich entscheiden- Ruhestand! Das kommt ja auf jeden von uns einmal zu, haben Sie dann vor, dass ganze dann in andere Hände zu übergeben?“

„Man kann das nicht übergeben. Die Tiere akzeptieren nicht einfach jemanden. Die Prägung findet ab der ersten Woche statt und ist mit sechs Wochen abgeschlossen. Und die Tiere akzeptieren niemanden sonst. Ich kann mir auch nicht vorstellen die Tiere pünktlich zum Rentneralter zu verlassen. Ich denke, solange ich kann, werde ich bei „meinen“ Wölfen bleiben, vielleicht die nächsten 20 oder 30 Jahre (!)“

„Wenn Sie sich mal wirklich etwas Freizeit gönnen, kommt ja wahrscheinlich sehr selten vor, womit entspannen Sie sich?“

„Am liebsten bin ich allein mit den Wölfen, wenn kein anderer da ist. Abends, wenn der Park leer ist und ich habe die Zeit und das Wetter mitspielt, bin ich sehr gerne bei meinen Tieren. Das ist dann die einzige Möglichkeit, sie wirklich bei ihrem natürlichen Verhalten zu beobachten. Denn wenn der Park voll ist, dann kommt dort ein Hund und da schreien Kinder und da rollt der Kinderwagen. Und dann sind sie entweder abgelenkt oder haben genug von all dem und verschlafen lieber alles, aber sie zeigen nicht so ihr wahres Gesicht. Die Zeiten mit den Wölfen allein, genieße ich darum sehr.

„Mit Wölfen können Sie nicht auf Dauer zusammenleben. Welche Unterschiede sehen Sie überhaupt zwischen Hunden und Wölfen?“

„Das ist, als wenn Sie mich fragen, was ist der Unterschied, zwischen Tiger und Hauskatze? Beide können schnurren. Die Verwandtschaft ist da, aber die Ähnlichkeiten hören dann schon auf. So ist es auch bei Hund und Wolf. Fellwechsel, Anzahl der Zähne, Schwangerschaftszeit sind gleich. Doch der Hund macht z.B. nicht diese drastische Veränderung zum Erwachsenen durch, diese Charakteränderung. Er akzeptiert den Menschen bis zum Tod als Sozialpartner. Er stellt sich auf ihn ein. Ein Wolf ist dazu nicht bereit. Er löst sich mit einer starken Pubertät von der Mutter. Er nabelt sich ab und das erleichtert es dem unerfahrenen Jungtier, abzuwandern und selbständig zu leben. Sie brauchen keinen Menschen. Sie lassen sich nicht manipulieren. Sie möchten sich nicht auf so etwas einlassen.“

„Sie haben vorhin das Schnurren von Katzen angesprochen, also Geräusche. Das bekannteste Geräusch eines Wolfes ist das Wolfsheulen. Aber das ist doch nicht alles, oder?“

„Wölfe können die gleichen Geräusche von sich geben, wie Hunde. Nur bellen können Hunde besser. Sie haben das bellen perfektioniert, um sich besser mit dem Menschen verständigen zu können. Anhand der Art, wie ein Hund bellt, kann man sehr genau erkennen, ob er sich über Besuch freut, ein Eichhörnchen auf den Baum jagt oder sich über den Briefträger ärgert. Es gibt die weitverbreitete Meinung, Wölfe könnten nicht bellen. Das ist ein Irrtum. Wenn es eine Gefahr gibt oder sie aufgeregt sind, bellen auch Wölfe. Wenn sie im Gehege sind und Hunde vorbeilaufen dann bellen die Wölfe ein kräftiges >verschwindet hier<. Oder sie geben ein unmelodisches Warnheulen von sich. Das ist ein Zeichen größter Erregung. Wenn sie sich erschrecken oder Schmerzen haben, jaulen sie auf. Aber sie sind grundsätzlich leiser als Hunde. Sie spielen eher lautlos und jagen natürlich auch möglichst lautlos. Sie arbeiten viel mehr mit Gestik und Mimik als Hunde. Sie müssen sich ja auch viel mehr untereinander abstimmen, um zum Erfolg zu kommen. Der Hund muss sich nicht perfekt verständigen können. Er bekommt sein Fressen so oder so, da ist eine so umfangreiche Verständigung nicht lebensnotwendig. Beim Wolf hängt davon das Überleben ab.“

„Wie ist das mit der Rute? Hunde drücken damit z. B. Aufregung aus.“

„Ja, Wölfe auch. Aber man kann das nicht an einzelnen Gesten oder Teilen der Mimik festmachen, was der Wolf mitteilen will. Man muss das Gesamtbild sehen. Es ist wie bei einem Konzert. Da hört man auch nicht nur die Geige oder das Cello, sondern die gesamte Komposition wird zum Gesamtwerk. Manchmal stehe ich vor einem Wolf, erkenne etwas von seiner Laune, von dem was er machen will und frage mich hinterher, wie ich es erkannt habe.

Ich habe manchmal Probleme herauszubekommen, woran ich das festgestellt habe. Aber das liegt daran, dass ich die Tiere von klein auf kenne. Jeder der Wölfe hat auch eine eigene Art zu sprechen. Filou, der Grauwolf mit dem Schlitzohr, erinnert an den traurigen Charlie Chaplin. Und Filou redet kaum mit Gestik. Man kann also schwer erkennen, wie er gerade drauf ist. Und Shadow dagegen arbeitet mit allem. Er ist wie ein Mensch, der mit Händen und Füßen redet. Die Unterschiede sind also auch untereinander sehr groß. Man kann also z. B. nicht pauschal sagen, wenn ein Grauwolf das und das macht, meint er folgendes.“

„Der Wildpark Lüneburger Heide hat ja nun auch eine Wolfsauffangstation aufgebaut.“

„Ja, die Wahrscheinlichkeit ist aber meiner Meinung nach gering, dass sie z. B. nach einem Verkehrsunfall oft zum Einsatz kommt. Der Normalfall wird möglicherweise eher sein, dass ein Wolf bei einem Verkehrsunfall so schwer verletzt ist, dass er sofort verstirbt oder er wird sich, wenn er dazu in der Lage ist, wegschleppen. Aber für den Fall der Fälle sind wir die Anlaufstelle, wo der verletzte Wolf dann untergebracht werden kann. Vorab gibt es eine Menge Stellen und Behörden, die zwischengeschaltet sind und darüber entscheiden, was gemacht werden soll. Dazu gehören Wolfsberater, Polizei, Tierärzte, Behörden und die beurteilen die Situation. Ich hoffe, dass es sich, wenn es dazu kommt, um leichter verletzte Tiere handelt, die wir schnell wieder in die Freiheit entlassen können. Es wäre für ein Wildtier keine Lösung, in Gefangenschaft leben zu müssen. Das wäre der pure Stress für das Tier.“

 „Wie ist das Procedere? Wenn entschieden wird, dass der Wolf zu retten ist und in die Station kommt, wie sieht dann der hausinterne Notfallplan aus?“

„Wir können vorab nicht alle Möglichkeiten voraussehen. Wir sind drei Leute, eine davon bin ich selbst, die rund um die Uhr erreichbar sind. Wir würden losfahren und den Wolf abholen. In der Zwischenzeit werden aber schon zuständige Tierärzte am Unfallort, die Erstversorgung gewährleisten. Der Wolf kann hier dann weiter versorgt werden. Den Rest müssen wir von der Situation abhängig machen. Wenn es sich um Welpen handelt, deren Mutter überfahren wurde, ist es etwas anderes, als wenn wir uns um einen angefahrenes erwachsenes Tier kümmern müssen. Da muss jeder Fall für sich bewertet werden und das ist erst möglich, wenn es soweit ist. Vom kleinen Blutgerinnsel im Gehirn bis zum Knochenbruch und offenen Wunden sind auch sehr viele Verletzungen denkbar. Aber durch die lebenslange Erfahrung mit Tieren in unserem Kollegenkreis, ist das in guten Händen.“

 „Ich gehe davon aus, dass es das größte Anliegen sein wird, dann den Kontakt zum Menschen so gering wie möglich zu halten.“

„Ja, er muss seine Scheu, seine Fluchtdistanz beibehalten. Das einzige Ziel kann und sollte die Wiederauswilderung sein.“

 „Ist die Auffangstation eine Kombination aus Innengehege und Außengehege oder muss man sich auf ein Innengehege beschränken? Denn ich kann mir vorstellen, dass ein Wolf alles versuchen würde. um sich einen Weg nach draußen zu graben.“

„Es ist ein wolfssicheres, von den Besuchern abgeschirmtes Gehege, in einer Größe, die die weitere Nachbehandlung des Tieres mit Medikamenten ermöglicht, ohne das es notwendig ist, dass der Wolf erneut narkotisiert werden muss. Gerade bei Wildtieren ist es sehr wichtig, sie so wenig wie möglich weiterem Stress auszusetzen.“

 „Wie würden die Wölfe des Parks auf den fremden Wolf reagieren, was meinen Sie?“

„Ich denke, dass dürfte kein Problem sein. Sie werden schließlich keinen direkten Kontakt mit dem Patienten haben.“

Die Zeit verging wie im Fluge. Ein Blick auf ihr Handy verrät Frau Askani, dass sie los muss. Noch schnell den letzten Schluck von meinem Grüntee „Sonne Asiens“ genehmigen und dann geht es mit ihr zum Wolfsgehege. Dort führt sie eine Schaufütterung durch und beantwortet statt meiner, nun die Fragen der Besucher. Doch dazu ein andermal mehr.

Meine Meinung habe ich mir jedenfalls gebildet. Frau Askani ist ein Mensch, den es sich zu treffen lohnt. Und der Wildpark Lüneburger Heide ist für Tierliebhaber und Teegenießer gleichermaßen eine Reise wert. Ein Besuch wird von mir empfohlen!

 – Carmen Splitt,  Tierparkinfo.de

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