Warum denn keine Betäubung?

Wenn es aufgrund eines Zwischenfalls notwendig wurde, ein Tier zu töten, werden danach Fragen gestellt.

Es gibt legitime Gründe zu fragen und es gibt andere Anlässe dafür. Aus meiner Sicht, gibt es in solchen Momenten vier Motivationen, um Fragen zu stellen:

  • Es wurde gründlich nachgedacht, aber dennoch keine eigene Antwort gefunden.
  • Es wurde gründlich nachgedacht. Es geht nun darum, sich der Richtigkeit der eigenen Überlegungen zu versichern und/ oder weitere Denkansätze zu erhalten.
  • Es wurde nicht selbst nachgedacht. Die Frage wird in den Raum gestellt, weil die Antwort lieber sofort bei anderen eingeholt wird, ohne sich vorab die Mühe zu machen, den eigenen Verstand zu nutzen.
  • Es besteht keinerlei Interesse an der Antwort. Stattdessen geht es darum, möglichst heftige Reaktionen zu provozieren, um im Anschluss dann wiederum hierzu weitere provokante Fragen zu formulieren. Es geht nicht um Wissen, sondern um Selbstdarstellung auf Kosten anderer.

Anlässlich des Zwischenfalls im Cincinnati Zoo, bei dem der Flachlandgorilla „Harambe“ erschossen wurde, um ein menschliches Kleinkind zu retten, werden ebenfalls Fragen gestellt.

Viele davon, fallen für mich unter die zuletzt genannte Kategorie. Auf sie und die erschreckende Tatsache, dass sich immer mehr Personen in eine Art „menschliche Walze“ verwandeln, gehe ich an anderer Stelle ein.

Hier und jetzt möchte ich zwei Fragen beantworten, die auch gestellt werden, wenn die Motivation des Fragestellers/ der Fragestellerin unter die ersten drei Kategorien fällt. Es geht bei beiden um die Notwendigkeit, Harambe durch einen Schuss zu töten. Sehen wir uns zuerst die Situation an.

Ein menschliches Kleinkind befindet sich in einem Gorillagehege. Es gelingt, mehrere Gorillas dazu zu veranlassen, vom Außenbereich in den Innenbereich der Anlage zu wechseln. Auf den Chef der Gruppe, den Silberrücken Harambe, trifft dies nicht zu. Er beschäftigt sich mit dem Kleinkind. Er soll es hinter sich hergezogen und in die Luft geworfen haben. Ich selbst war nicht dabei und kenne Videomaterial, auf dem zu sehen ist, dass das Kleinkind zwischen den Beinen von Harambe sitzt. In einem solchen Moment wurde auf den Gorilla ein tödlicher Schuss abgefeuert. Im Anschluss wurde das Kleinkind den Rettungskräften übergeben.

Gewehr und Kugeln

Warum wird zur Kugel gegriffen, statt zum Betäubungsmittel?

Die erste Frage, die aufgeworfen wird, ist, ob der Gorilla überhaupt eine Gefahr dargestellt habe.

Mehrere Personen sind der Überzeugung, dass Harambe das Kind nur beschützen wollte. Das ist absolut möglich und das besagte Videomaterial scheint diese These zu stützen. Vielleicht ging es ihm tatsächlich genau darum. Doch wir wissen es nicht. Auch die Verantwortlichen vor Ort, hatten darüber keine Gewissheit. Ja, selbst wenn sie sich dessen sicher gewesen wären, hätte dies ___STEADY_PAYWALL___nichts daran geändert, dass ein mehrere Zentner schwerer Gorilla sich mit einem menschlichen Kleinkind beschäftigte. Gorilla-Jungtiere sind „robuster“ als der menschliche Nachwuchs. Es hätte keinen Unterschied gemacht, ob es aus Absicht oder aus Versehen geschehen wäre, wenn der Gorilla den Jungen verletzt hätte. Das Risiko, dass Harambe das Kind verletzt, ihm unter Umständen schwere oder sogar tödliche Verletzungen zufügt, konnte nicht eingegangen werden. Es musste also eingegriffen werden.

Eine Betäubung ist beim Tierausbruch leider oft keine Alternative

Betäubungsmittel sind manchmal keine Option.

Eingreifen ja, aber warum hat man Harambe nicht einfach betäubt, statt ihn zu erschießen? 

Von fachfremden Personen wird oft nicht verstanden, warum eine Betäubung keine Alternative darstellt. Auch diese Frage möchte ich beantworten. Es gibt mehrere Gründe, warum der Einsatz eines Betäubungsmittels nicht möglich war.

  • Der Dringlichkeitsfaktor. Es musste, ohne zeitliche Verzögerung, dafür gesorgt werden, dass die (potenzielle) Gefahr für das Kleinkind umgehend beendet wurde.
  • Die räumliche Distanz. Es konnte nur aus der Entfernung auf den Gorilla eingewirkt werden. Ein Betäubungsmittel hätte ihm also nicht über eine Atemmaske oder durch eine exakt in die Blutbahn gesetzte Spritze verabreicht werden können.
  • Das zusätzliche Gefährdungspotenzial, dass die gewählte Maßnahme für das Kind darstellen würde.

Folgendes war bei der Erwägung einer Betäubung zu bedenken:

  • Ein tödlicher Schuss führt sofort zum erforderlichen Ergebnis, denn die (potenzielle) Gefahr ist beendet.
  • Ein Betäubungsmittel hätte nicht sofort gewirkt. Erstens wäre es nicht direkt in die Blutbahn gelangt. Zweitens wäre die  Wirkung durch den körperlichen Zustand Harambes (Anspannung, Aufregung, Stress,…) zusätzlich verzögert worden.
  • Die Möglichkeit eines „Fehlschusses“. Das Kind hätte in die Schussbahn geraten können. Selbst dann, wäre eine Kugel in diesem Fall „besser“ für den Jungen gewesen, als ein Betäubungsmittel. Seine Überlebenschancen wären größer gewesen. Zum einen, weil Betäubungsmittel, die bei Tieren lediglich zu einem Dämmerschlaf führen, per se bei Menschen zu irreversiblen Schäden, bis hin zum Tod, führen können. Zum anderen, weil selbst dann, wenn das gewählte Betäubungsmittel für einen Menschen grundsätzlich ungefährlich sein würde, es aufgrund der für Harambe berechneten Medikamentenmenge, zu einer Überdosierung bei dem Kind gekommen wäre. Auch hierdurch hätte also das höhere Risiko von schweren irreversiblen gesundheitlichen Schäden, beziehungsweise die Möglichkeit des Todes des Kindes bestanden.

    Spritze und einige Kugeln

    Immer das, was erforderlich ist!

Die Frage, ob Harambe eine Gefahr für das Kind dargestellt hat, beantworte ich aufgrund der soeben beschriebenen Situation mit einem eindeutigen: „Ja“. Die Frage, ob eine Betäubung des Gorillas eine Alternative zu seiner Erschießung gewesen wäre, beantworte ich mit einem eindeutigen „Nein“ und dies aus denselben Gründen.
Hier ging es um das wichtige Prinzip „Menschenschutz vor Tierschutz“. Die MitarbeiterInnen des Zoos Cincinnati haben nach meiner Einschätzung korrekt gehandelt. Ihr Verhalten war der Situation angemessen.

Was ich als unangemessen empfinde, sind die Äußerungen von Außenstehenden, die dem Zwischenfall von Cincinnati folgten.

Gemeint sind damit nicht etwa die Menschen, die sich nach den Fakten erkundigen und sicher gehen möchten, dass die Verantwortlichen ihrer Verantwortung gerecht wurden. Ganz gewiss auch nicht die Menschen, die lediglich zum Ausdruck bringen, dass sie den Tod von Harambe entsetzlich finden. Es sind die damit zusammenhängenden Hassreden, die für mich  inakzeptabel sind. Es ist die Facebook-Hetzkampagne, in der nach „Gerechtigkeit“ für Harambe geschrien wird, die ich mit Fassungslosigkeit zur Kenntnis nehme. „Gerechtigkeit“? Was ich wahrnehme, ist ein außer Kontrolle geratener Mob. Seinem Gebrüll sind vor allem Rachegelüste und Lynchfantasien zu entnehmen.

Agiert dieser Mob im Sinne Harambes oder dient dieses barbarische Benehmen etwa in irgendeiner Form dem Wohl der Population der Flachlandgorillas? Wohl kaum!  Geht es diesen Krakelern überhaupt um das Wohl von Tieren oder nur darum ihren Hass möglichst medienwirksam in die Welt zu brüllen? Wie siehst Du das? Hinterlasse gerne einen Kommentar mit Deiner Meinung dazu.

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2 Antworten

  1. Monika Götze sagt:

    Ich bin sicher das die Verantwortlichen dei Entscheidung nicht leichtfertig getroffen haben. Jeder der mit Tieren arbeitet weiß das, jeder der ein Haustier hat kann sich das sicher vorstellen. Jeder der bereits ein Kind großgezogen hat weiß, man kann nicht immer alles verhindern und vorhersehen. Mein Respekt den Verantwortlichen die sich getraut haben so zu entscheiden wie es richtig war und mein Respekt auch an den Schützen, ich weiß nicht ob ich den Mut gehabt hätte.

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